Verfasst von: Mirjam | Mai 14, 2008

Mein Weg in den Fundamentalismus

Ich wuchs in einem christlichen Land auf: Seit meiner Kindheit las ich die Bibel, und ich war beeindruckt von Jesu Worten und Wundertaten. Im katholischen Unterricht wurden ewiges Leben für die Erretteten und ewige Verdammnis für die Verfluchten gelehrt – als Faktum, wie das Einmaleins und das ABC. Ich stellte dieses Konzept nie in Frage, genauso wenig wie ich in Frage stellte, dass die Erde rund ist, dass Pflanzen Photosynthese machen und dass Jerusalem in Israel liegt. Für mich war es immer klar, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass die Lebensqualität im Jenseits von meinem Verhalten im Diesseits abhängt. Was genau die Auswahlkriterien für den Himmel waren, verstand ich nicht, aber ich wusste Eines: Ich würde alles daran setzen, um nicht in den Feuersee geworfen zu werden, denn der Gedanke an eine Ewigkeit, in der die Qualen, die ich erleiden müsste, niemals aufhören würden, auch nicht nach Milliarden von Jahren, war zu entsetzlich, als dass ich auch nur das kleinste Risiko eingehen könnte, dort zu enden.

 

Im Matthäus-Evangelium las ich, was Gott von uns Menschen erwartete: Ehrlichkeit, Barmherzigkeit und Mitgefühl. Ich hatte, das Gefühl, dass ich Jesu Forderungen sehr gut verstanden hatte, und ich bemühte mich in meinem kindlichen Eifer, nach seinen Geboten zu leben. Mit der Angst vor der Hölle in den Knochen war dies aber nicht immer ganz einfach: Ich erinnere mich an manch eine Nacht, in der ich verzweifelt in meinem Kinderbett lag und weinte, weil meine Familie (verständlicherweise) nicht ihren ganzen Besitz – unser Haus, meine Spielsachen und  Kleider – verkaufte, um das Geld den Armen zu geben, während ich in der Schule von Hungersnöten in Äthiopien hörte und keinen Weg sah, das Leid dieser Menschen zu lindern. Ich war machtlos, und wusste, dass Gott mich dafür bestrafen würde.

Meine Teenager-Jahre waren von einer fürchterlichen Angst überschattet, sexuell zu sündigen und dafür in die Hölle zu kommen. Ich weiss nicht genau, warum religiöse Menschen ein solches Theater machen, wenn es um Sex geht: Die alten Juden waren in dieser Hinsicht viel weniger verklemmt. Prostitution war an der Tagesordnung und erfreute sich auch unter respektablen Männern der Gesellschaft grosser Beliebtheit (siehe Genesis 38), Könige wie David und Solomon schliefen mit unzähligen Frauen, mit denen sie nicht einmal verheiratet waren (oder was ist denn mit Solomons „sechzig Königinnen“, „achtzig Nebenfrauen“ und „Mädchen ohne Zahl“?), und Vergewaltigungen wurden als derart normal erachtet, dass Moses sogar ein Gesetz erliess, das es dem Vergewaltiger einer nicht verlobten Jungfrau ermöglichte, diese anschliessend zu ehelichen (Deuteronomium 22:28). Aus mir heute nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen kam ich in meiner Jugend zum Schluss, dass der Baum der Erkenntnis, von dem Adam & Eva im Paradies gegessen hatten, symbolisch für Geschlechtsverkehr steht. Ich war überzeugt, dass Gott mich bestrafen würde, wenn ich Sex vor der Ehe hätte. Da aber meine Familie in der katholischen Kirche nicht wirklich integriert war und die Protestanten uns Katholiken als Christen nicht ernst nahmen, suchte ich mir meine Freunde immer ausserhalb der Kirche, und somit konnte ich meine Keuschheitsprinzipien nicht lange aufrecht erhalten…

Mit 18, mitten in einer tiefen persönlichen Krise, begegnete ich den Evangelikalen. Eine ganz neue, erschreckende Sichtweise eröffnete sich mir: Alle Menschen – ob sie es wissen oder nicht – leben  seit ihrer Geburt in Sünde und verdienen es, von Gott in einer immerwährenden Hölle ewiglich gequält zu werden. Doch zum Glück ist Jesus Christus für alle unsere Sünden am Kreuz gestorben, so dass jeder, der aufrichtig bereut und Jesus in sein Herz einlädt, errettet wird und nicht auf ewig verloren geht. Getrieben von meiner Angst sprach ich das erforderliche Gebet und übergab dem Herrn mein Leben. Wenn ich heute an diese Zeit zurück denke, frage ich mich, was ich denn im zarten Alter von 18 Jahren so tief zu bereuen hatte: eine sexuelle Beziehung mit einem jungen Mann, den ich von Herzen lieb hatte, ein paar Gewaltausbrüche meinen Eltern gegenüber und eine psychische Erkrankung, für die ich selbst herzlich wenig konnte. Hätte ich den armen jungen Liebsten damals nicht mit der neu gewonnenen christlichen Geziertheit in die Flucht getrieben und hätte ich meine psychische Krankheit wie jede andere Krankheit als solche annehmen und behandeln können anstatt sie als Folge meiner unsäglichen Sünde zu betrachten, wäre mein Leben vielleicht ganz anders – und in vielerlei Hinsicht bestimmt sündefreier – verlaufen…

Mit den christlichen Männern meiner neuen Familie konnte ich nie etwas anfangen. Diese Männer wirkten oft so unecht und gestellt auf mich. Und wahrscheinlich interessierte sich auch nie einer von denen für mich, denn ich gehörte nie zum harten Kern der Gemeinde. Eine Katholikin im Herzen, blieb ich immer eine Aussenstehende unter diesen bibeltreuen Enthusiasten für den Herrn Jesus. Ich war jetzt wohl eine „echte Christin“, die das „Wort Gottes“ ernst nahm, aber im Herzen und intellektuell war ich sehr einsam. Die Predigten in der Gemeinde berührten mich kaum, und nach einer Weile bekam ich den Eindruck, dass sich alles wiederholte, dass dieselben Dinge hundert Mal gesagt wurden, während keine einzige meiner Lebensfragen wirklich beantwortet wurde und meine psychischen Probleme sich nur verschlimmerten. Das Bibellesen war für mich eine Tortur, denn ich wurde dabei immer wieder neu mit Angst erfüllt. Wenn andere Christen von erfüllenden Momenten vor Gott und einer Liebesbeziehung mit Jesus schwärmten, konnte ich nur daneben sitzen und mir Gedanken darüber machen, warum ich nichts fühlte. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie eine persönliche Beziehung zu Gott im modernen christlichen Sinne angestrebt. Für mich war immer klar, dass Gott Gott ist und dass die Menschen Menschen sind. Ich wollte Beziehungen zu Menschen. Ich wollte ein gutes Leben. Ich wünschte mir menschliche Nähe und menschliche Liebe. Und dafür wollte ich Gott gehorchen. Gott war für mich ein Aufseher, der das grosse Spiel des Lebens überwachte.

Obwohl ich nach ein, zwei Jahren ein wenig vom Weg abkam, blieb der Samen des christlichen Fundamentalismus tief in meinem Herzen haften. Erst viele Jahre später, während einer weiteren persönlichen Krise, entfaltete er seine volle Kraft und trieb mich in die tiefste Verzweiflung. Ich war mitten in einer Trennungsphase und seelisch am Boden zerstört, als ich eines Tages hilflos eine Bibel aufschlug, um zu erfahren, was Jesus zum Thema Ehescheidung zu sagen hat. Und was ich las, erschreckte mich in Mark und Knochen: Wer sich von seiner Ehefrau scheiden lässt und eine andere heiratet wird zum Ehebrecher. Und wer eine Geschiedene heiratet, bricht ebenfalls die Ehe. Dies liess mir wenig Hoffnung. Ich musste also um meine Ehe kämpfen, obwohl mein damaliger Mann mich nicht mehr liebte, ich musste ausharren, und wenn er mich verlassen würde, dann müsste ich für immer alleine bleiben. Auf einen Schlag verlor ich jegliche Lebensfreude und Hoffnung. Nie wieder dürfte ich Liebe erleben. Ich dürfte nicht einmal mehr aktiv eine neue Ehe anstreben, denn eine neue Ehe wäre Ehebruch, und wer im Ehebruch lebt und nicht bereut, wird das Königreich Gottes niemals sehen. Ehrlich gesagt, interessierte ich mich nie wirklich für das „Königreich Gottes“. Das ist mir viel zu abstrakt und spirituell. Ich kann mir mit meinem menschlichen Gehirn nichts darunter vorstellen. Ich wollte doch einfach nur ein gottgefälliges Erdenleben führen… und ich wollte nicht in der Hölle enden.

In den kommenden Jahren las ich Hunderte von theologischen Abhandlungen zum Thema Ehescheidung im Christentum, aber am Ende kam ich immer zum gleichen unerträglichen Schluss: Ich würde nie wieder ein unbesorgtes Christenleben führen können, wenn ich eine neue Beziehung anstreben würde. Erlösung wurde für mich ein Hohn, und die Angst vor der Hölle erreichte einen noch nie da gewesenen Höhepunkt. Ich liess mich von fundamentalistischen Internetseiten wie bibelkreis.ch und jesus.de in den Wahnsinn treiben; ich verzweifelte an meiner unerträglichen Situation, war in einer Sackgasse des Lebens angelangt. Ich fand mich mit dem Gedanken ab, dass ich vermutlich trotz meines festen Glaubens von Gott verdammt würde. Ich wurde schwer depressiv, abgestumpft, und mein Leben erschien mir völlig sinnlos. Während mehrerer Jahre empfand ich nicht mehr den geringsten Anflug von Freude in meinem Herzen. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich zum letzten Mal gelächelt hatte. In dieser Zeit begann ich mir Gedanken zur Sinnlosigkeit des Daseins, zur Nutzlosigkeit der christlichen Nächstenliebe angesichts einer ewigen Höllenstrafe zu machen. Liebe auf Erden erscheint mir derart sinnlos, wenn Gott die Menschen nach diesem kurzen Leben für immer in der Hölle zu quälen gedenkt. Die Gedanken, die ich mir in dieser Zeit  machte, führten mich langsam weg vom bedrückenden Glauben an die ewige Verdammnis hin zu christlichem Allaussöhnungsglauben und später weg vom Glauben an die Bibel als Gottes Wort, weg vom christlichen Fundamentalismus, und schliesslich vielleicht sogar weg vom Christentum. Über diesen Weg, den ich noch nicht zu Ende gegangen bin, möchte ich in diesem Blog berichten.


Antworten

  1. Miriam, Sie sind ehrlich, aber nur in dem, was Sie erfahren haben unter Ihren Mitmenschen.
    Der Fehler vieler Menschen, die Christen -Werden und Sein wollen ist der, sie fragen nicht was Gott will.
    Wer sein Christ Werden und Sein, NUR auf Äußerlichkeiten und den Wünschen seines Fleisches und Verstand aufbaut, trennt sich automatisch vo nGott und allen seinen Zusagen und Verheißungen.
    Der wahre Christ, und wie ich die dazu gehörigen Aussagen Jesu Christi verstehe, fängt im Innern des Menschen an sobald er Christus in sein Inneres aufgenommen hat, der, der zugesagte und geistige Same/Wort und Geist Gottes ist.
    Christus ist das innere Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt hineingeboren werden.
    Und alle Ihn ab er aufnahmen und anerkannten in ihrem Innern, denen Gab Er geistige und göttliche Macht, Gottes Kinder und wahre Christen zu werden. Johannes 1, 9-13
    Fangen und versuchen Sie, Ihr christliches Werden und Sein mit Christus an und nicht mit Menschen, denn:“Wenn ein Blinder, einen anderen Blinden leitet, so fallen sie beide in die Grube“, und Sie sind bereits in die Grube dem Zweifel an Gott und den Mit-Menschen gefallen und das ist sehr Heilsam und Reinigend für die unsterblichen Seele des Menschen, wenn er von den Menschen enttäuscht wird.UND Warum? Christus sagt es uns, damit du Mensch mich allein, als den „erstrebenswerten Schatz“ oder als die „kostbare seltene Perle“ betrachtest, alles dafür hingibst, verkaufst und verleugnest, um ihrer Teilhaftig zu werden. Gott hat seinen ganzen Sohn, Jesus Christus, an das Kreuz schlagen lassen von Sünderhänden, Deshalb beansprucht Gott den ganzen Menschen, nach Geist,Seele und Leib, auf dass er dem lebt und dient, der für ihn in den schändlichen Tod gegangen ist freiwillig.
    Ich habe als 73-jähriger, vor 46 jahren, d.h. mit 27 Jahren bekehrt zu Gott, nicht weil ich es wollte, sondern Gott wolte es, den ER hat mich erwählt und nicht ich IHN.
    Auch habe ich vieles von den „lieben Geschwister“ erfahren, das ich jetzt nicht wiedergeben möchte, doch mein inneres Treiben, führte und leitete mich in die Stille und Einsamkeit, meinem Kämmerlein, meinem Garten. Beruflich auch in den Wüsten und Steppen dieser Erde, und habe feststellen müssen in meinem Innern und Bewusstsein , dass den Christus, den ich in Hildesheim und Deutschland mit 27 Jahren aufgenommen habe, mich nie verlassen hat und stets bei mir war.
    Er gab mir Weisheit und tätige Liebe zu den Umgang mit anderen Menschen, die nicht meines christlichen Glaubens waren, und als ich sie verlassen mußte, da flossen Tränen, weil wir uns brüderlich, doch mehr geistlich verbunden fühlten.
    Miriam, wer am Lebensweg stehen bleibt und aufgibt, an den hat Gott keinen Gefallen.
    Wir müssen in der Trübsal und Anfechtung vor Gott bestehen, und durch sie geläutert werden, denn wir rechnen allezeit mit seiner Liebe, Fürsorge und Gegenwart, denn unser Schöpfer- Gott und Schöpfer- Geist, ist uns immer näher, als wir uns selbst.
    Höre was Christus in deinem Innern sagt, denn, meine Schafe hören meine Stimme hat Er in der Vergangenheit und Geschichte gesagt, und das gilt auch heute noch.
    Keine Sünde der Welt und des Fleisches ist es Wert, Gott, Christus und dem Heilige Geist, Ade zu sagen, nur weil Menschen mich nicht mögen.
    Sünde, gleich welcher Art, ist ein Luxus den eine wahrer Christ, sich nicht erlauben sollte im Angesicht Gottes und seiner eigenen Ewigkeit.
    Bleib in der ersten Liebe zu Gott und seinem Christus und verletzte diese Liebe Gottes nicht.

  2. Boah, eh, @petersemenczuk,
    nun muss ich sagen ich habe von hinten nach vorne gelesen, aber von diesem Beitrag bin ich schwer enttäuscht von Ihnen. „Muss“ ist keine Vokabel, des lebendigen Gottes der uns aus Ägypten (und was weiß ich noch für Ängsten und Zwängen befreit).
    Ich darf und ich werde dann, wenn ich diese Befreiung akzeptieren kann. Gott ist die Liebe und die Liebe ist ein Kind der Freiheit.

    Hallo mirjam,
    jetzt habe ich mich fast durch Deinen ganzen Blog gelesen und bin einfach beeindruckt. Bleib bei Deiner Ehrlichkeit und lass ein bisschen Unkraut wachsen. Dich kann nichts von der Liebe Gottes trennen. Du bist mitten in seinem Herzen und das ist ein Schmelztiegel. Mach weiter so. Du machst es ganz prima und sprichst mir in vielem aus der Seele.
    Liebe Grüße

  3. Liebe Mirjam
    erhältst du keine Antworten auf wichtige Fragen in deinem Leben, weil du sie vielleicht gar nicht willst? Weil du evtl. festgefahren bist in den Glaubenssätzen, welche du als unwirksam oder bedrohlich erlebt hast, oder weil du den Menschen mehr glaubst als Gott. Wieso fragst du IHN nicht einfach selbst?!

  4. Ganz einfach: Weil Gott nicht antwortet. Weil Gott keine Bücher schreibt und weil Gott nicht zu Kriegen aufruft. Weil Gott keine Sühneopfer fordert und weil Gott, wenn es ihn gibt, nicht mit den Menschen spricht…


Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort:

Kategorien