Die Christen gehen stets davon aus, dass ich dem Christentum den Rücken gekehrt hätte, weil ich von anderen Christen verletzt worden wäre. Sie fragen nicht einmal nach, ob dem wirklich so sei. Vielmehr gehen sie dazu über, mir zu erklären, dass Christen auch nur Menschen seien und Fehler machen würden. Manche gehen sogar soweit, dass sie sagen, der einzige Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen sei, dass die Christen eines Tages erlöst würden, weil sie für ihre Schlechtigkeit Vergebung in Anspruch nehmen, und die Nichtchristen – weil sie im Gegensatz zu den Christen ihre eigene Schlechtigkeit nicht erkennen – die Ewigkeit in der Hölle zubringen. Abgesehen davon, dass dies nicht mit Jesu Weisung „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ im Einklang steht und ein vom Heiligen Geist beseelter Christ gemäss unzähligen Hinweisen in den Evangelien und den Paulusbriefen tatsächlich ein besserer Mensch sein sollte, hat meine Abkehr vom Christentum nur sehr wenig mit dem Verhalten der Christen zu tun. Wie jeder andere Mensch wurde ich natürlich von Menschen – Christen wie auch Nichtchristen – verletzt und wie die meisten anderen Menschen bin ich darüber hinweggekommen, habe ich vergeben und mit meinem Leben weitergemacht. Was mich wirklich vom christlichen Glauben wegbrachte, ist die Bibel.
Bald zwei Jahre ist es nun her, seit ich beschlossen habe, die Bibel chronologisch, von A-Z zu lesen, damit ich mich auf meiner Suche nach Gottes Willen nicht mehr auf Priester und Seelsorger verlassen müsste, die sich alle gegenseitig widersprachen, sondern in der Lage wäre, Gottes Wort, wie ich es damals nannte, selbst zu verstehen und Antworten für mein Leben zu finden. Als ich mit dem Lesen von Genesis begann, war ich noch felsenfest davon überzeugt, dass die Bibel Gottes Wort ist und dass man für alle Ungereimtheiten eine Erklärung finden würde. Ich glaubte auch, dass sämtliche christlichen Grundsätze – Erbsünde, freier Wille und Erlösungsbedürftigkeit – klar mit der Bibel zu begründen seien.
Natürlich staunte ich nicht schlecht, als ich erkannte, dass diese für das moderne Christentum grundlegenden Konzepte gar nicht im Alten Testament vorhanden waren und dass die Erzählung über Adam und Eva erst im Nachhinein von Paulus so uminterpretiert wurde, dass die Verbannung aus dem Garten Eden als Symbol für den geistigen Tod der Menschheit zu betrachten wäre. Man stelle sich das einmal vor: Über mehrere tausend Jahre hinweg hätte das Volk Gottes im Lichte von Paulus’ Auslegung nicht die geringste Ahnung davon gehabt, dass jeder Mensch in Sünde geboren war, nicht vor dem HERRN bestehen konnte und nach dem Tod für alle Ewigkeiten verloren wäre. Und Gott schien sein Volk laut Bibel in diesem fatalen Glauben auch noch zu bestärken, indem er ihm weismachte, dass es tatsächlich Menschen gibt, an denen er Gefallen findet: „Noah war ein GERECHTER Mann, untadelig war er unter seinen Zeitgenossen; Noah lebte mit Gott“ (Genesis 6:9), „Und der HERR sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich GERECHT vor mir erfunden in dieser Generation.“ (Genesis 7:1). Auch das Gespräch zwischen Abraham und dem HERRN in Genesis 18 deutet klar darauf hin, dass sogar im Sündenpflaster Sodom unschuldige Menschen lebten. Und siehe da, der HERR beschliesst tatsächlich, Lot und seine Töchter zu retten, weil sie unschuldig sind. Die Begriffe, „gerecht“, „untadelig“ und „unschuldig“, haben nichts, aber auch gar nichts, gemeinsam mit den Worten „sündhaft“, „schuldig“ und „böse“, mit denen gewöhnlich das moderne Christentum die Menschen beschreibt. Wenn Paulus’ Auslegungen stimmen und die Menschen tatsächlich alle – ausnahmslos – vor Gott schuldig sind, warum hat Gott dann seinem Volk mehrere tausend Jahre lang nicht die Wahrheit gesagt? Warum hat Gott manche Menschen im falschen Glauben, dass sie sich nichts vorzuwerfen hätten, gelassen?
Das Konzept der Schuldhaftigkeit der Menschen kommt auch in späteren Epochen nicht zum Ausdruck. Gott unterlässt es im ganzen Alten Testament, seinem Volk klar zu erklären, dass alle Menschen Sünder sind und eines Erlösers bedürfen. Von vielen Königen, einschliesslich König David, sagt die Bibel, dass der HERR an ihnen Gefallen fand: „[…] mein Knecht David, DER MEINE GEBOTE BEWAHRT HAT und mir nachgefolgt ist mit seinem ganzen Herzen, dass er NUR TAT, WAS RECHT IST IN MEINEN AUGEN […] (1 Könige 14:8). Aus diesem Satz lernen wir erstens, dass Gott – anders als uns die Christen weismachen wollen – der Ansicht ist, dass die Menschen in der Lage sind, seine Gebote zu bewahren und zweitens, dass der Mensch das Rechte tun kann und nicht, wie die Christen behaupten, nur zu Bösem in der Lage ist. Die Einschränkung, die die Bibel im nächsten Abschnitt (Könige 15:5) macht: „[…]weil David getan hatte, was recht war in den Augen des HERRN, und […] nicht abgewichen war alle Tage seines Lebens, ausser in der Sache mit Uria, dem Hetiter“ sowie die in einem früheren Abschnitt abgegebene Erklärung des HERRN, dass David dem HERRN keinen Tempel bauen dürfe, weil zuviel Blut an seinen Händen klebe, bringen einerseits zum Ausdruck, dass der Gott des Alten Testaments nicht annähernd so hohe Ansprüche an die Menschen stellte, wie die Christen glauben, wenn sie von den bewussten und den unbewussten, den versteckten Sünden und den Sünden des Herzens sprechen, und andererseits, dass die Bibel in ihren Aussagen nicht konsistent ist.
Die nicht miteinander zu vereinbarenden Widersprüche in der Bibel waren ein weiterer Faktor, warum ich aufgehört habe, an die Bibel zu glauben. Die Tatsache, dass auf einer Seite ein Konzept ausgedrückt werden konnte, das durch eine Aussagen auf der nächsten Seite völlig in Abrede gestellt wurde, weckte Erinnerungen an meinen muslimischen Ex-Mann, der nach jedem gescheiterten Versuch, an der Bibel Gefallen zu finden, meinte, dieses Buch lese sich so wie ein von einem Kleinkind verfasster Aufsatz. Und ich musste zugeben, dass auch mir manchmal ein Aufsatz in den Sinn kam, den ich einst korrigierte und der mit „…und dann war ich tot“ endete. Die Bibel steckt voller unlogischer Aussagen, die mich daran zweifeln liessen, dass sie wirklich Gottes Wort ist.
Für mich verliert das Alte Testament als Wort Gottes in Genesis 4:20-21 erstmals ernsthaft an Glaubwürdigkeit. Hier versucht der Autor, einen historischen Bezug zu seiner Gegenwart herzustellen: „Und Ada gebar Jabal; dieser wurde der Vater derer, die in Zelten und unter Herden WOHNEN (Präsens). Und der Name seines Bruders war Jubal; dieser wurde der Vater all derer, die mit der Zither und der Flöte UMGEHEN (Präsens).“ Die Präsensform in Genesis 4:20-21 ist meines Erachtens äusserst verwirrend: Bibeltreue Christen glauben, dass Moses der Verfasser von Genesis ist, während manche Bibelwissenschaftler davon ausgehen, dass mehrere Autoren des 8. Jahrhunderts vor Chr. an Genesis gearbeitet haben. Ganz unabhängig davon wurde der Text mit Sicherheit erst nach der Sintflut, falls eine solche jemals stattgefunden hatte, verfasst, und die nachsintflutlichen Beduinen und Musiker, von denen hier die Rede ist, können kaum von Jabal und Jubal aus der Zeit vor der Sintflut abstammen, da keiner dieser Vorväter seine Gene an Noah, den einzigen Überlebenden der Sintflut, weitergeben konnte, da Noah von Seth abstammte, während Jabal und Jubal die Nachfahren von Kain waren.
Anfangs versuchte ich, diese kleinen Ungereimtheiten als literarische Ausrutscher zu betrachten, aber je länger ich Genesis las, umso mehr logische Mängel fielen mir auf: Wie konnte es beispielsweise möglich sein, dass Abrahams Konkubine Hagar, nachdem sie von Abraham verstossen wurde, ihren 14 Jahre alten Sohn Ismael durch die Wüste TRUG, und als sie vor Durst und Erschöpfung nicht mehr konnte, den TEENAGER unter einen Busch WARF? Ist ein 14-Jähriger nicht stark genug, um selbst durch die Wüste zu gehen?
„Und Abraham machte sich früh am Morgen auf, und er nahm Brot und einen Schlauch Wasser und gab es der Hagar, legte es auf ihre Schulter und [gab ihr] das Kind und schickte sie fort. Da ging sie hin und irrte in der Wüste von Beerscheba umher.“ (Genesis 21:14)
„Als aber das Wasser im Schlauch zu Ende war, warf sie das Kind unter einen der Sträucher“ (Genesis 21:15)
Als ich noch glaubte, suchte ich lange nach einer plausiblen Erklärung für dieses seltsame Verhalten. Vielleicht dauerte die Entwicklung der Menschen damals länger, was auch erklären würde, warum die Menschen in der Bibel so viele hundert Jahre alt wurden? Doch diese Antwort verwarf ich bald wieder, weil dann bestimmt auch die Schwangerschaft der Gattung Mensch etwas länger gedauert hätte, was jedoch gemäss Prophezeiung in Genesis 18:14 nicht – oder höchstens beschränkt – zutrifft:
„Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen über ein Jahr, so soll Sara einen Sohn haben.“
Heute, nach all den kritischen Gedanken, die ich mir zur Bibel gemacht habe, ist die Antwort auf die Frage nach dieser Ungereimtheit in meinen Augen klar: Der Verfasser des Textes hat schlichtweg vergessen, dass Ismael aufgrund der Altersangaben ein paar Seiten weiter vorne kein Kleinkind mehr sein konnte und nicht mehr auf Mamas Rücken getragen werden konnte. Ein sehr menschlicher Fehler, aber ein Fehler, der mich zum ersten Mal im Leben daran zweifeln liess, dass die Bibel wirklich Gottes unfehlbares Wort ist.
Eine ähnliche Ungereimtheit findet man in der Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern an Handelsleute verkauft wurde, nach Ägypten kam und dort dank seinen prophetischen Traumdeutungen zum höchsten Ratgeber des Pharaos wurde. Als in seinem Heimatland eine Hungersnot ausbrach, holte er seinen ganzen Clan nach Ägypten. Sein Vater Jakob und alle seine Brüder kamen. Angesichts der sprichwörtlichen Familienzusammengehörigkeit in nahöstlichen Ländern dürfte man davon ausgehen, dass Jakob einen engen Kontakt mit seinem lange Jahre tot geglaubten Sohn Josef gepflegt hätte. Seltsamerweise war dem aber nicht so: Nachdem Jakob schon 17 Jahre in Ägypten gelebt hatte (Genesis 47:28), brachte Josef seine Söhne Efraim und Manasse, die bereits um die 20 waren, zu Jakob, auf dass dieser seinen Söhnen den Segen erteilen konnte. Als die beiden jungen Männer vor Jakob standen, fragte Jakob „Wer sind diese?“ (Genesis 48:8). Man führe sich das einmal vor Augen: Ein Grossvater, dem es fast das Herz gebrochen hätte, als man ihm mitteilte, sein liebster Sohn sei von wilden Tieren zerfleischt worden, findet nach Jahren heraus, dass der geliebte Sohn noch lebt, reist zu ihm nach Ägypten und verbringt seinen Lebensabend in seiner Nähe und lernt dabei nicht einmal seine eigenen Grosskinder kennen? Das ist nicht glaubwürdig: Entweder ist das ständige Gerede von Liebe zwischen Vater und Sohn und Familienzusammenhalt nichts als heisse Luft oder aber der Verfasser des Textes hat einmal mehr vergessen, was er auf den vorherigen Seiten zu Papier gebracht hatte.
Mit der Zeit begann ich, all diese kleinen Ungereimtheiten herauszusuchen. Mir wurde bewusst, dass das Alte Testament in einem Stil verfasst ist, der den intellektuellen Fähigkeiten und dem Kenntnisstand der damaligen Menschen entsprach und mehr nicht. Nicht in dem Sinne, wie die Christen die Ungereimtheiten wegzuerklären versuchen, dass Gott so mit den Menschen gesprochen hätte, wie sie es damals verstehen konnten, denn Gott hätte den damaligen Menschen Dinge auch mit einfachen Worten erklären können, ohne Ungereimtheiten einzubringen, sondern im Sinne, dass die Menschen damals einfach so schrieben, wie sie es gemäss ihren Fähigkeiten und ihrem Wissenstand vermochten: mit vielen Ungereimtheiten, einem Haufen falscher Vorstellungen, mit viel Aberglauben und oftmals mit einer naiv betrügerischen Autorenhaltung, aber nicht durch göttliche Inspiration. Mir fällt dazu ein Vergleich zur Malerei ein: Bevor in der Malerei die Perspektive entdeckt wurde, konnten die Maler die Dinge, die sie malten, räumlich nicht richtig darstellen. Sie malten Dinge übereinander und nebeneinander, die eigentlich hintereinander gewesen wären. Ähnlich, denke ich, verhält es sich mit den Texten des Alten Testaments: die Wirklichkeit, wie die Menschen sie damals sahen, wurde in naiv dilettantischer Weise zu Papier gebracht, und die Bibel sollte heute als das betrachtet werden, was sie ist: ein spannendes Zeugnis von der geistigen und literarischen Entwicklung eines semitischen Volkes.
Ich habe mich gerade königlich amüsiert über Deinen Versuch eine logische Ordnung in die Bibel zu bringen. Sehr gut erkannt die gibt es nicht.
Die Geschichten wurden sich ja zuerst erzählt und später dann erst aufgeschrieben.
Mit jedem Wort, was ich jetzt hier schreibe fließt immer meine Sicht der Dinge mit ein. Mit jedem Wort, was Du von mir liest kommt Dein kritischer Geist dazu, der zurecht fragt, will mir hier schon wieder ein X für ein U vormachen.
Du suchst nach der Wahrheit und „wer nach der Wahrheit sucht, sucht nach Gott; ob es ihm bewusst ist oder nicht.“ Edith Stein
Ich ergänze dazu, wer wie Du so konsequent fragt gibt sich einfach nicht mit oberflächlichen Antworten zufrieden.
Das einzigste was wichtig ist bei dieser Suche nach wahrhaftigen Antworten nicht aus dem Auge zu verlieren, den Nächsten zu lieben wie sich selbst.
Rumpelstilzchen muss sich nicht zerreißen. Es darf leben.
Von: rotegraefin am November 11, 2008
um 12:25
Liebe Rote Gräfin,
Ich versuche nicht, Ordnung in die Bibel zu bringen. Dass die Bibel ein dilettantisch zusammengefügtes Flickwerk aus stets von den Mächtigen redigierten Texten ist, ist mir schon lange klar. Meine Texte richten sich aber in erster Linie an Menschen, die wie ich früher im bibeltreuen Christentum gefangen sind und daran zugrunde gehen…
Von: Mirjam am November 11, 2008
um 1:07
Ja mach weiter so.
Ich mache es ja auch so, ist schon in Ordnung.
Wir marschieren zwar getrennt aber mit dem gleichen Ziel. Gefangene zu befreien.
Ich versuche nur erst einmal heraus zu bekommen, an was die Menschen überhaupt erst glauben, das ist nämlich ziemlich verschwommen und dann gehe ich mit ihnen ein Stück, bis sie mich loslassen. Das tut erst einmal ein bisschen weh, aber mittlerweile kann ich es so akzeptieren.
Von: rotegraefin am November 11, 2008
um 4:31