Die Christen glauben, dass wir in der Endzeit leben, dass Gott diese Welt bald richten und zerstören wird und dass die Menschen sich angesichts dieser unermesslichen und für alle Ewigkeit bedeutenden Ereignisse entscheiden müssen, ob sie im kommenden Endkampf Gott oder dem Teufel nachfolgen wollen. Ihr Endzeitglaube lässt die Christen in die gleiche Trompete blasen wie alle anderen Weltpessimisten: Die heutige Welt ist schlecht und wird immer schlechter, und die Menschen, die darin leben, sind böse. Als Beweis für die Schlechtigkeit der Welt führen sie folgende Argumente ins Feld: „Schaut euch die Welt doch an. Überall herrscht Krieg. Die Menschen denken nur noch an sich selbst und rennen dem Geld nach.“
In all den Jahren, in denen ich Christin oder anderweitig religiös involviert war, litt ich entsetzlich unter diesem düsteren Gedankengut, denn tief in meinem Innern liebe ich die Welt und die Menschen, und ich glaube von ganzem Herzen, dass die Menschen im Grunde gute und liebesfähige Wesen sind, die im Laufe der Menschheitsgeschichte aus vergangenen Fehlern gelernt und sich positiv verändert haben. Das negative christliche Weltbild, verbunden mit dem Glauben an die Endzeit und an das jüngste Gericht, trägt viel zur inneren Unsicherheit der Menschen bei, hindert Menschen daran, das Leben in vollen Zügen zu geniessen, erfüllt Menschen mit Urängsten und treibt einige in den Wahnsinn und sogar in den Selbstmord. Die Angst ums Überleben ist etwas Natürliches, aber die Angst vor einem moralisch-spirituellen Gericht mit einer Gesetzgebung, von der die Menschen, wie Paulus sagt, nur Stückwerk erfassen können, dessen Urteil aber darüber entscheidet, ob eine Seele in alle Ewigkeit leiden muss oder nicht, ist für ein Menschenherz unerträglich und richtet die Menschen zugrunde.
Es stimmt, dass Kriege in der Welt herrschen, dass manche Menschen sich selbst am nächsten sind, versuchen, reich zu werden, nicht mit anderen teilen wollen und dass viele Menschen grossem Leid ausgesetzt sind. Es wäre jedoch falsch, deshalb davon auszugehen, dass das Leiden oder die Freveltaten unserer Generation schwerwiegender wären als das Leiden und die Freveltaten irgendeiner anderen, vergangenen Generation. Ich bin der Ansicht, dass die Menschheit im Laufe der Geschichte unendlich viel gelernt hat und dass die Menschen des 21. Jahrhunderts im Grossen und Ganzen bessere und gerechtere Menschen sind als die Menschen zu biblischen Zeiten. Auch das Gottesbild der Menschen scheint sich im Laufe der Jahrtausende gewandelt zu haben von einem stammeseigenen Kriegsgott, Jahwe, der sich zu Zeiten Moses, Josuas und Salomons gegen Konkurrenzgötter wie Baal oder Aschera, die zeitweise als Jahwes Frau dargestellt wurde, als einziger Stammesgott durchsetzen musste, über einen Vorsteher des grossen himmlischen Rates bei Hiob oder einen Vatergott für das jüdische Volk bei Jesus bis hin zu einem unter griechischem Einfluss entstandenen abstrakten und universellen Weltrichter-Gott, der das Gute in der Welt und im Universum verkörpert.
Die Gottesbilder der Menschen in der Bibel erscheinen mir stets wie die Projektionen dieser Menschen selbst: Der Gott des stolzen Sklavenhalters Abraham ist ein Gott, der Abrahams Streben nach Reichtum (heute würde man es Materialismus nennen) befürwortet und nichts gegen Sklavenhaltung einzuwenden hat. Der Gott des blutrünstigen und auf Ehren bedachten jüdischen Volkes zu Zeiten der Richter ist ein blutrünstiger Gott, dem ein ehrenhaftes Versprechen wichtiger ist als ein Menschenleben und der es zulässt, dass ein Vater seine eigene Tochter zu seinen Ehren als Brandopfer darbietet (Richter 11). Der Gott der imperialistischen Anführer Moses und Josua ist ein imperialistischer Gott, der kriegstreiberisch von seinem Volk verlangt, andere Völker anzugreifen, zu berauben und aus ihrem Land zu vertreiben. Man könnte fast denken, dieser Gott sei im Unterbewusstsein dieses kriegerischen Volkes entstanden, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen, um sagen zu können: Nicht wir sind schuld an all dem Blut, das an unseren Händen klebt, Gott, der Herr, hat uns beauftragt. Der Gott des selbstgefälligen Königs David ist ein selbstgefälliger Gott, der Nabal dafür, dass er David sein Hab und Gut nicht einfach ohne Wenn und Aber überlässt, mit einem tödlichen Herzanfall bestraft (1. Samuel 25) und der Davids vernachlässigte Frau Michal für ihre nicht grundlos geäusserten Worte der Bitterkeit mit Kinderlosigkeit bestraft (2 Samuel 6:16-23). Der Gott des machthungrigen Königs Salomon ist ein machthungriger Gott, der Salomon dabei unterstützt, seinen Bruder umzubringen, um an die Macht zu kommen (1 Könige 1-2) und dem es nichts ausmacht, dass Salomon Zwangsarbeiter einsetzt, um Gott einen Tempel und sich selbst einen prunkvollen Palast zu bauen (1. Könige 5).
Das alte Testament der Bibel vermittelt einen äusserst negativen Eindruck von den damaligen Menschen und ihren Gottesvorstellungen. Das Adjektiv „primitiv“ setzt sich unweigerlich in meinem Kopf fest, wenn ich in der Bibel lese. Wenn der Gott der damaligen Menschen mehr gewesen wäre als eine Projektion der Mächtigen, wenn dieser Gott wirklich mit den Menschen gesprochen oder auf sonstige Art mit ihnen interagiert hätte, dann hätte er die Menschen doch auf ihr Fehlverhalten aufmerksam machen müssen, anstatt dieses zu befürworten. Mir erscheint es aus heutiger Sicht jedoch plausibler, dass Gott auch damals nicht mit den Menschen kommunizierte und dass die Menschen im Laufe der Jahrtausende selbst ein besseres Gespür dafür entwickelt haben, was richtig und was falsch ist. Nicht, dass wir heute perfekt wären, aber im Vergleich zu damals konnten wir doch einige Aspekte des Erdendaseins verbessern:
Zu Zeiten Abrahams war Sklavenhaltung an der Tagesordnung. Es galt für Abraham anscheinend als Statussymbol, neben Nachkommen wie Sand am Meer auch Reichtümer und Sklaven zu besitzen, und es schien sein Wunsch gewesen zu sein, von Gott all die von anderen Völkern bewohnten Gebiete von Ägypten bis hin zum Euphrat für seine Nachkommen zu erhalten (Genesis 15). Abraham und Sarah konnten über ihre Sklaven verfügen, wie es ihnen gefiel. Die Sklaven waren willenlos, wurden sexuell ausgebeutet und anschliessend, wenn es zu Eifersüchteleien kam, verstossen (Genesis 16). Abraham legt zahlreiche, dem Menschen ureigene Züge an den Tag: das Streben nach Reichtum und die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, den Wunsch, sich Dinge anzueignen, die einem nicht gehören (heute nennt man das Diebstahl) sowie den Glauben daran, dass er mit Recht Macht über andere Menschen ausübte und zulasten anderer Menschen für sich selbst und die eigenen Angehörigen Glück und Segen erhoffte.
Von Abraham über Moses, David und Solomon bis hin zu Paulus betrachten die biblischen Helden Frauen als Untermenschen, über die nach Belieben verfügt werden kann. Der Aufruf Moses zu Massenvergewaltigungen im Krieg gegen die Midianiter wird von der altmodischen Sprache Luthers fast bis zur Unkenntlichkeit verhüllt, doch in seiner nackten Brutalität ist er unmissverständlich: „So erwürget nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Weiber, die Männer erkannt und beigelegen haben; aber alle Kinder, die weiblich sind und nicht Männer erkannt haben, die lasst für euch leben.“ (4. Mose 31:17-18) Was mit „die lasst für euch leben“ gemeint ist, wird aus anderen Bibelübersetzungen klar: Die sind für euch, das ist eure Kriegsbeute, mit denen dürft ihr machen, was ihr wollt, die dürft ihr schänden, vergewaltigen und zwangsehelichen. Es fragt sich überdies, wie die Krieger in der Hitze des Gefechts herausfinden konnten, welche der jungen Mädchen noch Jungfrauen waren und welche nicht. Frauen wurden damals nicht beschützt, weder vom in den Augen Gottes rechtschaffenen Lot in Sodom, der den Männern der Stadt anbot, dass sie seine jungfräulichen Töchter schänden dürfen, wenn sie dafür die beiden Engel, die bei ihm zu Gast waren, in Ruhe liessen (Genesis 19:8) noch von Abraham und Isaak, die ihre Frauen bei fremden Königen als ihre Schwestern ausgaben und nichts unternahmen, wenn die Könige ihre Frauen zu sich nahmen, um sich an ihnen zu vergreifen (Genesis 12:10-20 Abraham in Ägypten, 20:1-8 Abraham in Gerar bei König Abimelech, Genesis 26:1-10, Isaak in Gerar bei König Abimelech – man beachte dabei die Ähnlichkeit der drei Geschichten: Abraham war beim zweiten Mal nicht klüger, obwohl der ägyptische König fürchterlich für Abrahams Feigheit büssen musste, und auch sein Sohn Isaak lernte nichts aus den Fehlern des Vaters. Erstaunlich ist auch, dass Sara im hohen Alter von 90 Jahren noch immer so verführerisch aussah, dass König Abimelech sie zu sich holen liess.) oder von den Männern zur Zeit der Richter, als ein Levit – und das ist der Gipfel der Feigheit – seine junge Konkubine von Betrunkenen und Perversen eine ganze Nacht lang schänden und vergewaltigen liess (zu Tode ficken, wie man heute sagen würde) ohne, dass er eingriff, und alles nur, damit er im Nachhinein einen Vorwand hatte, gegen die Bewohner von Gibea einen Krieg zu beginnen (Richter 19). Auch die Gesetze, die Jahwe Moses auf dem Berg Sinai übermittelt haben soll, sehen keinen Schutz für Frauen vor: Wenn ein Mann eine junge Frau, die noch nicht verlobt ist, vergewaltigt, dann soll er ihrem Vater den Brautpreis zahlen, sie ehelichen und darf sich nie mehr von ihr scheiden lassen (5 Mose 28-29). Falls ein Mann in einer Stadt eine verlobte Frau vergewaltigt, dann müssen beide gesteinigt werden. Der Mann, weil er mit einer verlobten Frau geschlafen hat und die Frau, weil sie nicht geschrien hat, obwohl man sie in der Stadt hätte hören können (5 Mose 23-24).
Auf Jahwes Geheiss waren die Israeliten in alttestamentlichen Zeiten äusserst kriegerisch, brutal und rassistisch. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gott Sebaot ein Heerführer, ein Kriegsgott, war. Um ihren Gott freundlich zu stimmen, mussten die Israeliten ihrem Gott sinnlos Tiere opfern: Am Geruch dieser Brandopfer fand der Herr Wohlgefallen (4 Mose 1:13). Und in Kriegszeiten befahl Jahwe, dass unschuldige Pferde, die keine Wahl hatten, ob sie in den Krieg ziehen wollten oder nicht, verstümmelt würden (Josua 11:9). Rassismus und Ausgrenzung grassieren im Alten Testament: kastrierte Männer, Männer, deren Penis abgeschnitten worden war, sowie unehelich geborene Kinder und deren Nachfahren bis zur 10. Generation durften nach Jahwes Anweisungen nicht ins Volk der Israeliten aufgenommen werden (5 Mose 23:1-2). Ausserdem galten Männer mit körperlichen Gebrechen, Blinde, Lahme, Entstellte oder anderweitig körperlich Behinderte, Menschen mit verkrüppelten Händen oder Füssen, mit einem Buckel, Kleinwüchsige, Menschen mit Augen- oder Hauterkrankungen sowie Eunuchen als unrein und durften nicht als Priester dienen und Opfer darbringen (3 Mose 21:18-20). Ethikgesetze schienen nur gegenüber Israeliten zu gelten: Die Israeliten durften andere Israeliten nicht als permanente Sklaven halten. Die Kinder von Ausländern hingegen durften versklavt werden und mussten ihren israelitischen Besitzern ihr ganzes Leben lang dienen (3 Mose 25:44-46). Ganze Völker, auch friedliche, wurden dahingerafft, unter dem Vorwand, dass sie ihr Land verunreinigt hätten und es nicht verdienten, weiterhin dort zu leben. Wenn immer soziale Probleme auftauchten, gab es für den Kriegsgott Jahwe nur eine Lösung: Tötung. Als sich die Israeliten bei Jahwe wegen ihren Nöten beklagten, wurde er wütend und schickte ihnen Feuer, das ihr Lager versengte (4 Mose 11:1), als ein Mann an einem Sabbat Holz zum Anfeuern sammelte, rief Jahwe die Israeliten dazu auf, den Mann zu steinigen (4 Mose 15:32-36), als die Israeliten sich erneut beklagten, sandte Jahwe giftige Schlangen, die viele Menschen bissen und töteten (4 Mose 21:6), als die Israeliten die Hethiter, Girgasiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter überfallen sollten, befahl Jahwe, dass all diese Völker umgebracht werden müssten: Bündnisse zu schliessen, Gnade walten zu lassen oder Frauen dieser Völker zu heiraten war den Israeliten verboten (5 Mose 7:1-4), Traumdeuter und Propheten, die den Israeliten rieten, sich gegen Jahwe aufzulehnen, liess er umbringen (5 Mose 13:5) und auch Menschen, die die Israeliten dazu ermutigten, andere örtlich ansässige Götter zu verehren, waren gnadenlos zu ermorden (5 Mose 7:7-9), Menschen, die andere Götter, die Sonne oder die Sterne anbeteten, mussten gesteinigt werden (5 Mose 17:7), jedermann, der sich gegen einen Richter oder Priester auflehnte, war ebenfalls zu töten (5 Mose 17:12), wenn ein Sohn starrsinnig und rebellisch war und Geld für Alkohol verschwendete, musste er durch Steinigung hingerichtet werden (5 Mose 21:20-21), wenn ein Mann, eine Frau und ihre Mutter gleichzeitig heiratete, mussten alle drei verbrannt werden (3 Mose 20:14) und wenn Männer oder Frauen sexuelle Kontakte mit Tieren hatten, so musste auch das arme, unschuldige Tier das Zeitliche segnen (3 Mose 20:15-16). Angesichts all dieser Aufrufe Jahwes zur Ermordung und zum grausamen Abschlachten von Menschen und Tieren ist es mir schleierhaft, warum eines der zehn Gebot „Du sollst nicht töten“ heisst.
Im Vergleich zu den Angehörigen des Volkes Gottes zu biblischen Zeiten machen sich heutzutage viele Menschen Gedanken über den Sinn und Unsinn des Strebens nach Geld und Macht, viele Menschen verspüren den Wunsch, armen Menschen zu helfen und Geld zu spenden, andere setzen sich in Wohltätigkeitsorganisationen ein und überlegen sich, wie die Reichtümer dieser Welt gerechter verteilt werden könnten. Sklaverei wurde im Westen vor über 100 Jahren abgeschafft, und wenn immer neue oder bisher wenig bekannte Formen der Sklaverei – Frauenhandel oder Kinderarbeit – ans Licht kommen, setzen sich die Menschen zusammen und suchen nach Lösungen, um ein erneutes Umsichgreifen dieser Arten der Sklaverei zu unterbinden. Das Bewusstsein der Menschen, dass wir alle gleich sind und einander respektieren müssen, ist im Laufe der Jahrhunderte gewachsen. Heutzutage geht ein Aufschrei des Entsetzens durch die Reihen, wenn aufgedeckt wird, dass in einem Krieg Frauen massenweise vergewaltigt wurden. Es wird versucht, Täter vor internationalen Gerichtshöfen zur Rechenschaft zu ziehen, und selbst wenn dies nicht immer gelingt, ist es heute dank der Genfer Konventionen unvorstellbar, dass ein Politiker ungestraft und in aller Öffentlichkeit wie Moses dazu aufruft, Kinder und Frauen massenweise umzubringen oder zu vergewaltigen. In Europa diskutieren Rechtsexperten über die genaue Definition von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt, um der Ausbeutung von Frauen endgültig einen Riegel zu schieben. Tiere werden im Westen heute mehr geachtet als unter den Israeliten zu Zeiten Moses: Das Schächten von Tieren ist in manchen Ländern verboten und verpönt, viele Menschen verzichten auf den Konsum von Tierprodukten und demonstrieren gegen Tierquälerei. Die Menschen versuchen heutzutage, miteinander über die Kulturen und Religionen hinweg einen Dialog zu führen. Das Bewusstsein, dass wir Menschen alle zusammengehören, wächst immer mehr in unseren Gesellschaften und es wird versucht, die Welt zu einem Ort zu machen, an dem alle friedlich zusammenleben können: Menschen demonstrieren gegen Rassismus, solidarisieren sich mit den Unterdrückten und lernen die Sprachen anderer Völker, Männer und Frauen aus unterschiedlichen Kulturen kommen sich näher, heiraten und lernen voneinander. Die Kulturen vermischen sich.
Und genau diese globale Entwicklung erachten die modernen Christen als eine Gefahr, denn wenn Kulturen aufeinander zugehen, bedeutet dies oft auch ein Loslassen des Alten und im religiösen Bereich ein Loslassen der eigenen Intoleranz. Die Christen glauben, dass die kulturelle Öffnung der Gesellschaften, die Toleranz anderen Glaubensgemeinschaften gegenüber und der Weltfriede Versuchungen des Teufels und Anzeichen der Endzeit sind. Alle positiven Entwicklungen in der Welt erachten sie als Täuschungen des Teufels. Die Menschen bewegen sich ihrer Ansicht nach unwissend und naiv ihrem eigenen Untergang entgegen und erkennen die fiesen Tricks des Teufels nicht. Warum aber der liebe Vatergott Jahwe diesem Elend untätig zuschaut und die unwissenden Menschen nicht aus den Fängen des Teufels befreit, können die Christen nicht erklären. Schnöde werfen sie den Ausdruck „freier Wille“ in die Runde, sie spucken ihn dem verängstigten Suchenden fast ins Gesicht und machen den Menschen in seiner spirituellen Verzweiflung verantwortlich dafür, die Machenschaften des spirituellen Gegenspielers Jahwes, des Teufels, nicht zu durchschauen. Wie sollte aber ein Mensch in der Lage sein, die Spiele der Götter aufzudecken? Das hat doch nichts mit freiem Willen zu tun. Die Christen berauben die Menschen ihrer natürlichen Urteilsfähigkeit, indem sie behaupten, dass die Bibel das Wort Gottes ist, dass Jahwe das Gute verkörpert und der Teufel das Böse, ohne dafür Beweise vorzulegen. Wenn wir ehrlich sind, überzeugt keine der beiden Gottheiten wirklich durch Liebe: Ich könnte Tausende von durch Jahwe verübte oder verordnete Schreckenstaten aufzählen, ohne viel nachdenken zu müssen, aber mir kommt keine einzige Situation in den Sinn, in der Jahwe den Menschen, ohne im Gegenzug etwas von ihnen zu erwarten, Gutes getan hätte. Der Teufel wird viel seltener erwähnt in der Bibel, aber schlimmer als die Taten Jahwes sind auch seine Taten nicht, wie mir scheint. Die Grenze zwischen dem biblischen Gott Jahwe und dem Teufel ist fliessend, und an manchen Stellen wussten nicht einmal die Verfasser des heiligen Buches selbst, ob es nun Jahwe oder der Teufel war, der zur Rechenschaft zu ziehen sei: Während es in 2 Samuel 24 Jahwe ist, der David dazu veranlasst, das jüdische Volk mit einer Volkszählung zu ärgern, so ist es gemäss 1 Chronik 21 der Teufel, der David zu besagter Handlung veranlasst. Die beiden Bibelstellen zeigen sonnenklar, dass Jahwe in seiner Willkür zu genau den gleichen bösen Taten fähig war wie der Teufel. Wenn Jahwe wirklich der Weltrichter-Gott ist, unter dessen Herrschaft oder Tyrannei die Erretteten in Ewigkeit leben werden, dann muss ich mich ernsthaft fragen, ob ich wirklich ewiges Leben will. Wenn es ewiges Leben gibt, dann sollte dieses von einem wirklich gerechten Gott geschenkt werden, der niemanden wegen seines Unverständnisses in spirituellen Dingen für alle Ewigkeiten verdammt, der nicht ausgrenzt und die Menschen in Spreu und Weizen sortiert, der kein Menschenopfer fordert, um vergeben zu können, sondern der in Liebe alle Menschen eins werden lässt, der den Weltfrieden und kulturelle Vermischung liebt, der auch verwirrte Menschen annimmt, tröstet und aufrichtet und den die Menschen an seinen guten Früchten erkennen können.
Sagenhaft, das ist eine sehr gründliche Abrechnung mit den üblen und Angst machenden Texten.
Für mich hat das Übel allerdings schon begonnen, mit der Erzählung von der Erschaffung von Adam und Eva. Da ist soviel Wahrheit und Dichtung mit einander verwoben, dass man eigentlich nur lachen kann. Eine Eva aus der Rippe von Adam einfach nur widernatürlich. Dann ein Gott der Erkenntnis verbietet. Was für eine autoritäre Socke ist dass denn?
Dann die Schuld Aufschieberei von Adam auf Eva und dann auf die Schlange (Für mich die heimlich schleichende Form der Macht.) Vgl. auch:
http://rotegraefin.wordpress.com/sundenfall-und-geburt-christi-einmal-anders-gesehen/
Dann was ist das für ein Gott, der nur auf Abel und seine Gabe schaut und nicht auf Kain? Der macht doch den Kain regelrecht eifersüchtig. Echt ätzend so ein Typ, aber typisch menschlich. Kain wurde aber ein Städtebauer. Also eine Evolutionsgeschichte.
Dann kommt noch der Gott, der nicht will. dass die Menschen mit einem Turm ihn erreichen. Grrrrrrrrr! Der Turmbau zu Babel. Alles Götterbilder, die sich die Menschen selber ausgedacht haben und damit versucht haben ihre Welt zu erklären.
Von: rotegraefin am Dezember 17, 2008
um 6:11
AUS DER WIRKLICHKEIT
Ich lag
in einem Tagebaue
und entschlief …
Da träumte mir, daß auch der liebe Gott ganz normale Eltern habe. Und man wußte bisher doch gar nichts von denen! Es waren einfache Leute. Deshalb sagten sie zu dem lieben Gott auch: „Sei brav!“ Oder: „Bis lieb!“ So wurde er also ein lieber Gott. Und blieb es. Der l i e b e Gott.
Aber er machte natürlich auch mal Unsinn. Wie Kinder eben so sind. Eines Tages klaute er zum Beispiel den Nordstern aus dem Himmelszelt. Alle Schiffskapitäne kamen durcheinander. Sie orientierten sich von da ab an der Stelle, wo nun nichts mehr leuchtete. Und weil der liebe Gott für diese Stelle verantwortlich zeichnete, sagten sie nicht mehr „Nordstern“ sondern „Ach, du lieber Gott“!
Eines Tages bekam der liebe Gott von seinen Eltern ein Briefmarkenalbum geschenkt. Auch er sollte wie alle braven Kinder etwas Sinnvolles mit seiner Freizeit anfangen – Briefmarken sammeln, zum Beispiel.
Da aber fast niemand Briefe an den nunmehr lieben Gott schrieb, außer einem kleinen Mädchen namens Anna (diese Briefe wurden aber nicht befördert, weil der Briefträger zuerst rechter Katholik und später deshalb ein Atheist geworden war und darum großen Dampf vor dem lieben Gott hatte) erhielt der kleine Briefmarkensammler in den letzten millionen Jahren keinen einzigen Brief. Und aus diesem Grunde besaß er auch keine Briefmarken.
Da saß er nun im weiten Himmelsraum, genau dort, wo die Unendlichkeit an die Endlichkeit angrenzt, – sozusagen am Bordstein der Zeiten – und hatte nichts als seine Briefmarkenpinzette und ein leeres Album mit der Aufschrift: ALLE MEINE MARKEN.
Vom langen Herumsitzen in der Ewigkeit schläfrig und zugleich sehr aufmerksam geworden, bemerkte der liebe Gott eines schönen Abends, wie von unten herauf seltsame Dinge emporstiegen. Sie sahen alle sehr blass aus und waren an den Rändern samt und sonders ausgefranst. An den Rändern also glichen sie sich alle – aber im Kern waren sie wie unterschiedliche Bilder und oft sogar sehr verschieden.
Man konnte sie fangen und dann an ihnen ziehen, so wie an gekautem Kaugummi etwa. Sie gaben dabei leise Geräusche von sich, als ob sie leise schrien. Der liebe Gott hörte ein deutliches „iiiiiihhh“. Deshalb, und weil er im Himmel auch oft Theo gerufen wurde, nannte er sie „Theorien“.
Und weil er nun keine Briefmarken hatte, nahm er seine silberne Briefmarkenpinzette her und fing ganz geschickt die zu ihm aufsteigenden Theorien ein, ganz vorsichtig machte er das. Er wollte die Ecken und Ränder nicht noch mehr beschädigen. Und dann schob er seine Theorien in das Album.
Es sah allerliebst aus. Er ordnete die Theorien nach Motiven. Welche über ihn selbst (den lieben Gott!) waren auch dabei. Über das Feuer und das Geld. Über die Seele und die Kraft. Über die Liebe gab es welche und über die Revolution. Am meisten gefielen dem lieben Gott aber die Theorien über das Kochen und den Weinanbau. Am blödesten dagegen fand er die Theorien über das Sein. Diese waren meist sehr klein und hatten quallenartige Ränder, welche manchmal sogar feucht zu sein schienen und das Album gefährdeten. Am ausgereiftesten waren die Theorien über Spiele.
DAS Prachtstück in der Sammlung war die Theorie darüber, daß es gar keine Theorien gibt. Sie war dreieckig und an den Rändern total fest. Dafür hatte sie aber in der Mitte ein Loch – und dessen Ränder waren schwammig und fast dreidimensional verdickt.
Der liebe Gott wollte seinen Vater einmal danach befragen, – aber der hatte immer keine Zeit. Er guckte sehr viel fern, trank Bier mit dem einsamen Nachbarn oder lag in der Gartenlaube und las alte Zeitschriften immer und immer wieder von hinten bis vorn durch.
Und weil die Mutter vom lieben Gott sich nicht für geistliche Dinge interessierte, sondern – ja, was machte sie eigentlich den ganzen lieben langen Tag? – zeigte der liebe Gott eines Tages das Briefmarkenalbum mit den Theorien seinem alten Freund dem Teufel.
„Cool“ sagte der. Und: „Genial!“
„Wollen wir tauschen?“ fragte er dann den lieben Gott.
„Warum nicht“, antwortete dieser. Und so setzten sie sich beide auf eine Wolkenbank. Denn auch der Teufel hatte von seinen Eltern einmal ein Briefmarkenalbum geschenkt bekommen und war auf die aufsteigenden Theorien aufmerksam geworden. Nur, – seine Eltern hatten ihm keine Pinzette vermacht. Und deshalb sahen die Theorien des Teufels manchmal ganz zerknickert aus. Es fehlten hier oder da ein paar Zähne und das Album schaute auch recht schmuddelig aus. Die Eltern vom Teufel sagten nämlich nicht immer zu ihm: „Sei recht artig und führe dich gut auf, mach uns keine Schande“ und dergleichen Sachen. Dieses hatte eben seine Auswirkungen. Man sah es dem Album an.
Da saßen sie nun beide und merkten, wie ihre Schatten auf die liebe gute alte Erde fielen und dort dadurch jene Theorien abgebildet wurden, welche dann als sie selbst zu ihnen langsam aufstiegen, um nach ihrer Ankunft ewig zu werden in den Alben ihrer Eltern, welche zusammen gerade Bier tranken und alte Schlager hörten.
Gott und sein Freund, der Teufel, sahen sich an und merkten beide, daß sie nun erwachsen geworden waren.
Der liebe Gott holte deshalb den geklauten Nordstern wieder aus der Hosentasche heraus und befestigte ihn an jenem Punkt des Himmels, wo du ihn heute noch sehen kannst, wenn du dich dafür interessierst. Und der Teufel vergrößerte die kleine Theorie über die Schönheit auf einem Kopiergerät auf A2-Format und hing sie sich in den Spint. Sein Vater sollte es nicht sehen, sonst hätte er ihm das Bildnis weggenommen. Beide hatten nun ein Geheimnis und schlossen Freundschaft. Denn nichts erhärtet den Bund einer Freundschaft so sehr wie ein gemeinsames kleines Geheimnis.
Als sie nun zu tauschen begannen, fiel das Auge des lieben Gottes zuerst auf eine zerdrückte Theorie, die der Teufel ganz am Anfang seiner Sammlung eingeordnet hatte. Sie zeigte ein großes rundes Zelt. Drinnen stand ein Tiger auf den Hinterpfoten aufgerichtet. Und eine schöne schwarzhaarige Frau war auf einen Stuhl geklettert und hatte ihren Kopf in das weitaufgerissene Maul der Bestie gelegt. Bei all dem sahen beide, Frau und Untier, nicht unglücklich aus.
„Faszinierend“ sagte der liebe Gott. „Was ist das?“
„Ich weiß es nicht“ meinte der Teufel. „Ich nenne es: Den Moment.
„Moment?“
„Ja, weil gleich wird er zubeißen oder sie wird den Kopf noch schnell zurückziehen. Aber man weiß nicht, wie es ausgehen wird. Denn, obwohl sie beide frei entscheiden, denn sie wird notwendigerweise zurückziehen – und er wird beißen – tritt die Zeit hinzu und ist das Zünglein an der Waage, welche das Ergebnis nicht unwesentlich beeinflussen wird.“
„Du hast wirklich schöne Marken“ sagte der liebe Gott.
„Marken?“ fragte der Teufel, „es sind doch nur lauter Theorien.“
„Ja, – aber in ihnen steckt eine Menge Wahrheit“ meinte der liebe Gott. „Sobald man sich mit sowas abgibt, klebt man irgendwie daran fest.“
„Recht hast du, mein Lieber“ sagte der Teufel und fuhr fort „und nun zeig mal deine Marken her.“
Doch der liebe Gott war noch ganz im Nachsinnen befangen und flüsterte leise: „Du kannst dich auch sehr gut ausdrücken und sprichst schöne Sätze. Wo hast du das gelernt?“
„Bei meinem Vater“ antwortete der Teufel.
„Ihr unterhaltet euch wohl?“ fragte der liebe Gott erstaunt.
„Immer!“ stöhnte der Teufel. „Den ganzen Tag geht das hin und her und hört nicht auf. Meistens geht es so los: und dann gibt es kein Halten. Alles wird in Zweifel gezogen, zum Schluß sogar das“.
„Und dann?“ fragte der liebe Gott.
„Dann beginnt alles wieder von vorn“ knurrte der Teufel. „Das Einzig, was abends übrigbleibt, ist eine scheinbar neue Variation jenes großen Abgrunds, den ihr Unsicherheit nennt. Vielleicht noch eine geänderte Nuance im Stil usw. Lass´ uns lieber darüber schweigen, lieber Gott“ bat der Teufel und blätterte das Album des lieben Gottes um.
„Ich beneide dich!“ sagte der liebe Gott. „Mein Vater redet kaum mit mir. Und meine Mutter putzt nur oder schaut Kataloge an.“
„Ach ja?“ bemerkte der Teufel wie nebenbei, „das kenne ich“.
Dann hauchte der liebe Gott bewunderungsvoll: „Wer ist denn eigentlich dein Vater?“
„Na, weißt du das denn nicht?“ reagierte der Teufel, „es ist der Bruder deines Vaters – und wie sind so rechte Cousins.“
„Ach, davon haben sie mir gar nichts erzählt“ erstaunte sich der liebe Gott.
„Aber bei uns ist es dafür ein Dauerbrenner“ lachte der Teufel. , sagt meine Mutter zu meinem Vater. Und dann geht es richtig los …“
„Haut dich dein Vati?“ fragte nun ganz vertrauensvoll der liebe Gott den Teufel.
„Selten“ meinte der und fuhr fort „nur, wenn ich nicht böse genug war.“
„Was ist den böse?“ fragte der liebe Gott.
„Ich weiß nicht“ sagte der Teufel, „aber ich hab selten Bock drauf!“
„Ich bekomme keine Haue, sagte der liebe Gott nachdenklich, aber ich bekäme sicher welche, wenn ich nicht lieb wäre. Aber ich weiß gar nicht, wie das ist, böse zu sein“.
„Das ist ganz einfach“ entgegnete der Teufel. „Du mußt nur tausendmal das Wort vor dich hin denken oder sagen, dann geht es von ganz allein, denn man bekommt Wut. Oder Zorn, wie es angeblich richtiger heißt“.
Dann setzte er hinzu: „Wir könnten ja einfach mal unsere Rollen tauschen. Ich tue so, als ob ich deines Vaters Sohn bin – und du tust so, als ob Du ich bist. Du kommst zu uns in die sogenannte Hölle und ich ginge dafür in den Himmel ein. Wäre das nicht gut und böse zugleich?“
„Ein einfacher Rollentausch“ dachte der liebe Gott, – und sagte dann, „das ist ja so, wie in den schlechten Groschenromanen, wie meine Mutter sie immer liest. Nein, – ein einfacher Rollentausch ist zu abgeschmackt. Das gab es schon zu oft. Hiob hat das schon mit ansehen müssen. Und der Faust ebenso“.
„Die arme Sau“ sagte der Teufel bedauernd. „Ich erinnere mich deutlich. Das war wirklich schlimm damals. Der Faust hat mir echt leid getan. Er hatte immer so einen fragenden Blick, als ob da noch was käme … Dabei war es von Anfang an schon aus. Na ja. So ist das eben.“
„Ich denke, wir sollten nur so tun, als ob wir die Rollen getauscht hätten!“ meinte der liebe Gott und seine Augen glitzerten.
„Oder noch besser“, rief der Teufel nun: „Wir tun so, als ob wir nur so getan hätten, so zu tun!“
„In etwa, – einverstanden“ sagte der liebe Gott. Dann kennt sich niemand mehr aus, bloß wir beiden“.
„Wir beide!“ verbesserte der Teufel.
„Aber nun laß uns noch ein bisschen die Alben betrachten, bevor ich zum Mittagessen muß“ bat der Teufel und legte das Album des lieben Gottes aus der Hand und griff wieder nach seinem eigenen Buch.
„Ihr eßt?“
„Ja, – dreimal am Tag“
„So wie wir“ staunte der liebe Gott und wollte noch fragen, ob bei Teufels auch gebetet würde, ließ es dann aber doch sein, denn …
…auf der nächsten Seite des teuflischen Albums entdeckte der liebe Gott eine Marke, auf der ein Hund zu sehen war, welcher an einer Leine festgebunden zu sein schien. Wenn man aber genau hinschaute, wurde man gewahr, daß das andere Ende der Hundeleine, – welche sonst nicht an dem Hundehalsband festgemacht zu sein pflegt, sondern irgendwo anders, sei es an einem Baum, einem Zaunpfahl oder an einem Laternenmast, – in diesem Falle sich zwar eine Weile am Boden entlang ringelte (etwa so, wie eine große Schlange es tun würde), dann aber doch festgeknüpft war – und zwar an jenem Hundehalsband selbst, das man um den Hals des Tieres gelegt hatte. Der Hund war zugleich gefangen und befreit in einem! Gefesselt an sich selbst, welches Selbst dadurch eigentlich freigesetzt worden war.
„Das ist in der Tat famos“ schrie der liebe Gott vor Begeisterung – diese Marke würde ich gerne tauschen.“
„Oh“ wehrte der Teufel ab, das ist eine meiner liebsten Marken und ich möchte sie eigentlich nicht hergeben. Sie bezeichnet nämlich die Theorie der Freiheit, – und es ist alles sehr plastisch und nicht ganz ohne Ironie dargestellt und gut getroffen. Dem Hunde habe ich übrigens einen Namen gegeben. Er heißt so, wie wir das zu nennen pflegen, von dem wir denken, es selbst zu sein. Ich nannte und nenne diesen armen Hund ! Er hört auch auf diesen Namen sehr gut und pariert exakt. „Wetten, daß?“ meinte der Teufel mutwillig und dann rief er deutlich vernehmbar „ I c h“ in Richtung seines Albums. Tatsächlich, – nun konnte man deutlich sehen, wie der Hund ganz ruhig auf seinem Platz liegen blieb und mit treuherzigen Augen und zugleich irgendwie metaphysisch sonderbar verständnislos wissend dreinblickend eine höchst bedauernswerte Gestalt abgab.
Der liebe Gott betrachtete die Leine, mit der jene arme Kreatur ICH gefangen und für alle Zeiten an sich selbst gekettet zu sein schien. Die Leine war schwarz, kunstvoll geflochten und schimmerte matt in einem seltsamen Licht, welches geheimnisvoll die ganze Szene beleuchtete.
Dann blätterten sie weiter in ihren Alben herum, zeigten sich die sonderbarsten Dinge und so verging die Zeit …
Der Teufel, so wollte der liebe Gott sich eingestehen, hatte es auf eine respektable Sammlung gebracht. Schließlich gab der Teufel doch noch, wir wissen nicht warum, die Freiheitshundemarke heraus. Aber der liebe Gott mußte dafür die Trinitätstheoriemarke mit dem Loch in der Mitte herausrücken.
Schweren Herzens trennte er sich von ihr und der süße Schmerz über den Verlust hielt sich gerade die Waage mit einem seltsamen Glück und dem verhaltenen Triumph, seinem Cousin, dem Teufel, das Geheimnis der sogenannten Freiheit abgeluchst zu haben.
Gerade da erwachte ich und das göttliche Glücksgefühl, alles zu wissen und errungen zu haben, entschwand im gleichen Verhältnis meines zunehmenden Bewusstseins darüber.
Während ich schon wieder den alltäglichen Erfordernissen meines langweiligen Tagwerks nachzugehen hatte, stiegen ohne eigenes Wissen heiß meine gedankenlosen Gebete empor, durchdrangen Strato- und Ionosphäre, bevor sie sich dann in den Räumen der Unendlichkeit brachen und, als Interferenzen verewigt, in Glaubensquanten und unsichtbaren Lichtpartikeln zu mir zurückeilten.
Denn die wirklichen Geschenke eines sich selbstphantasierenden Theorems finden die richtigen Rückwege aus den echoerzeugenden Fernen des raunenden Abgrunds unerkennbarer Paradoxien zurück – und spüren ihre Liebhaber und Erzeuger immer auf. Geradeso, wie ein verlorengegangener guter Fährtenhund eines Tages an der ihm bekannten Türe kratzt, wenn er nach langer Irrfahrt endlich wieder zu Hause angelangt ist …
Von: federhalter am Oktober 24, 2009
um 10:49