Verfasst von: Mirjam | Januar 9, 2009

Christentum und Krieg

 Längst ist die Erkenntnis, das Christentum sei zusammen mit dem Judentum und in neuerer Zeit auch mit dem Islam für die meisten Kriege in der Welt verantwortlich, durch die Reihen sämtlicher Freizeitphilosophen und Weltverschwörungstheoretiker, durch alle Wirtshäuser und Kneipen gegangen und zur Platitüde geworden.

 

Ich möchte das Thema hier dennoch einmal aufgreifen, denn während die Freizeitdenker und Verschwörungstheoretiker meist dazu übergehen, sich irgendeine eigene Religiosität zusammenzubasteln und Toleranz den Religionen gegenüber walten zu lassen und die Schwätzer in den Gasthäusern ihre Ansichten bei der nächsten Runde wieder ändern, bin ich zu der Ansicht gelangt, dass es in der Welt erst Friede geben kann, wenn religiöses Denken von Grund auf ausgemerzt wird.

 

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich noch Christin war und jeden Tag Angst hatte zu sterben und vor das Jüngste Gericht zu kommen, wie ich eines Morgens im Bett lag und im Radio „Imagine“ von John Lennon hörte:

 

Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky

Imagine all the people
Living for today…

Die Worte trafen mich direkt ins Herz. Ich lag da und heulte wie ein Kleinkind. Später im Text singt John Lennon auch von einer Welt, in der es keine Religion mehr gibt und dann, gleich im nächsten Satz, von einer Welt des Friedens. John Lennon sandte mir mit diesem Lied an jenem Morgen einen schwachen Lichtstrahl in meine christliche Hölle, und obwohl ich mich damals noch nicht traute, mir solche Dinge vorzustellen, fand ich Trost in seinen Worten.

 

Heute kann ich mit John Lennon mitträumen. Und damit es nicht nur beim träumen bleibt, möchte ich an dieser Stelle darlegen, warum Religion meiner Meinung nach eine treibende Kraft für Krieg in der Welt ist. Ich möchte dabei auf die Wirtshausargumente, nämlich, dass die Kirche hinter allem Bösen in der Welt steckt und mit geheimen Machenschaften als Drahtzieherin auf der politischen Bühne agiert oder dass politische Machthaber Menschen mit religiöser Demagogie in den Fanatismus treiben und dazu veranlassen, für ihren Glauben in den Krieg zu ziehen, nicht weiter eingehen, denn diese Argumente entspringen einer passiven Haltung, die die Geschehnisse in der Welt hinnimmt, ohne etwas daran ändern zu wollen. Ich möchte statt dessen zwei neue Argumente in die Runde werfen, die mehr Selbstverantwortung erfordern, weil jeder Mensch sich selbst Gedanken machen und danach handeln kann.

 

Mein erstes Argument ist, dass Religion zutiefst unglücklich macht, da sie tiefgreifende, diffuse Ängste schürt, und somit die Freude am Leben verringert. Bei religiösen Ängsten handelt es sich um scheinbar unüberwindbare Ängste, die auf der Grundlage des Unbegreiflichen gedeihen. Unglückliche Menschen sind eher bereit, andere Menschen in ihr Unglück hineinzuziehen, ihr Leben herzugeben und im Extremfall zu töten und zu sterben.

 

An der Oberfläche verspricht das Christentum Hoffnung für Menschen, die sich in einer scheinbar auswegslosen Situation befinden, doch wenn sich ein Mensch erst einmal in den Fängen des christlichen Glaubens verfangen hat, erscheint ihm seine Ausweglosigkeit noch viel schlimmer, weil sie eine neue Ebene erreicht: die Ebene der Ewigkeit und des Unfassbaren. Solange ein Christ an seine Erlösung glauben kann, kann er damit leben. Sobald er aber eines Tages an seiner eigenen Erlösung oder an der Erlösung eines nahestehenden Menschen zweifeln muss und sich bewusst macht, was ewiges Verlorensein nach dem christlichen Glauben bedeutet, wird er von einer krankmachenden Bedrückung eingeholt, die sein ganzes Dasein überschattet. Viele Christen sind aufgrund ihres Glaubens zutiefst unglücklich und haben keine grosse Freude an ihrem Dasein. Daher sind sie wenig dankbar für ihr Leben. Sie messen dem eigenen Leben und dem der anderen einen gering Wert bei und sind eher bereit, ihr Leben aufzugeben.

 

Die Schwierigkeit besteht auch darin, dass viele Menschen in einer ausweglosen Situation von Christen abgefangen und mit religiösem Gedankengut indoktriniert werden und dass dieses religiöse Gedankengut über die Jahre hinweg Wurzeln schlägt und Früchte treibt: Früchte der Angst und der Hoffnungslosigkeit, die den betroffenen Menschen in eine neue Ausweglosigkeit treiben. Die Christen monopolisieren einen beachtlichen Teil des Sozialwesens in vielen westlichen Ländern, überall hocken sie, wo es verwundbare Seelen gibt, die sie mit ihren angsteinflössenden Lehren schänden können: Hilflose Kinder werden an den Schulen und im Religionsunterricht mit christlichen Lehren beeinflusst, zahlreiche Drogen- und Alkoholrehabilitationseinrichtungen sind christlich geführt, Hilfswerke für Arme und Obdachlose laufen meist unter christlicher Flagge, in den Gefängnissen treiben sich Pfarrer aller Konfessionen herum, unzählige Notrufnummern und Sorgentelefone verbreiten auf subtile Art und Weise, ohne es offen zu bekennen, christliches Gedankengut, und selbst wenn sich ein Mensch an Weihnachten in Ruhe von einem Turm stürzen möchte, wird er von christlichen Seelenfängern aufgehalten.

 

Dass jedoch der Glaube, der diesen verzweifelten Menschen eingeflösst wird in einem Moment, in dem sie, von Angst getrieben, dafür empfänglich sind, zu einem konfusen Weltbild führt und nichts mit den Werten zu tun hat, die vernünftige Menschen für gut halten, wird dabei vergessen. Die Werte der Nächstenliebe sind nämlich keine christlichen Werte, sondern urmenschliche Werte. Nichtchristen sollten ihre Verantwortung, Nächstenliebe zu üben und sich sozial zu engagieren nicht abgeben und den Christen überlassen. Wenn Nichtchristen sich mehr um ihre Mitmenschen in den Drogenkliniken, auf der Strasse oder im Gefängnis kümmern würden und ihnen Werte der Menschlichkeit ohne das damit assoziierte judeochristliche Weltbild eines strafenden Gottes, der Blutopfer fordert um zu vergeben, einzuflössen, wären bestimmt viele Menschen glücklicher und befreiter. Glückliche und befreite Menschen wiederum erkennen den Wert des Lebens und geben ihr Leben nicht freiwillig hin. Solche Menschen wollen sich ihre Lebensfreude auch nicht nehmen lassen, indem sie andere unglücklich machen oder um ihr Leben bringen. Glückliche Menschen haben nichts, wofür es sich lohnen würde, in den Krieg zu ziehen und ihr Leben herzugeben. Und das bringt mich zum zweiten Argument.

 

 

Der Glauben an ein ewiges Leben führt dazu, dass die Menschen den Wert dieses Erdenlebens – dieses einen kurzen Lebens, das wir mit Sicherheit haben – aus den Augen verlieren und bereit sind, dieses Leben ungelebt verstreichen zu lassen, zu töten und zu sterben. Christen, die Angst vor dem Jüngsten Gericht haben, verschwenden manchmal ihr ganzes Leben, indem sie aus Angst vor Gott ihre eigenen Lebenspläne nicht umsetzen und ihre weltlichen Wünsche hinter den Dingen, die in ihren Augen Gottes Wille sind, zurückstecken. Aber auch weniger ängstliche Christen können die Einmaligkeit des Lebens nicht erfassen und sehen deshalb nicht ein, was für eine ungeheure Tragödie es ist, wenn ein Menschenleben unwiederbringlich und für alle Zeiten zerstört wird. Sie lenken sich ab mit der Vorstellung, dass verstorbene Menschen im Himmel weilen und in gewisser Weise immer noch existieren. Wenn ein Angehöriger stirbt, kann diese Vorstellung ein Trost sein, wenn jedoch aufgrund dieser Vorstellung in Konfliktsituationen der eigene Tod oder der Tod anderer in Kauf genommen wird, ist sie gefährlich. Ich glaube fest daran, dass kein gesunder Mensch sich das Leben nehmen würde oder als Soldat im Krieg freiwillig sein Leben riskieren würde, wenn er nicht tief in seinem Inneren irgendwo einen Hauch von Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod hätte. Ausserdem würde ich behaupten, dass kein Mensch, der die Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit des Lebens erkannt hat, zu einer Waffe greifen und einem anderen Menschen das Leben nehmen würde. Werte, für die Menschen Waffen herstellen, Terroranschläge verüben und in den Krieg ziehen – Geld, Land, Rechte, sogar Gerechtigkeit – verlieren angesichts der Einzigartigkeit des Lebens ihren Sinn.


Antworten

  1. Krieg entsteht aus der Angst vor dem Tod und dem Glauben das der Tod das letzte Wort hat.
    Krieg entsteht aus der Unversöhnlichkeit dem Leben gegenüber und der mangelnden Einsicht, dass das Leben ein Lernprozess ist.
    Wer Angst vor dem Tod hat, hat auch Angst vor dem Leben, vor der eigenen Größe und der eigenen schöpferischen Kraft, die ihm geschenkt wurde.
    Der jüngste Tag immer jetzt und damit das Gericht, immer ein Selbst gestelltes ist.
    Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens vor die Frage gestellt, wie er sein Leben verbringen will.
    In der ewigen Anklage und Schuldzuweisung anders Denkenden und Glaubenden gegenüber oder in dem Versuch zu verstehen, wieso Schuldzuweisung und Glaube an die Verdammung, gerade bei Christen so sehr um sich gegriffen hat.
    Du hast einen sehr scharfen Verstand und Deine Kritik an unwissende Gläubige ist sehr berechtigt.
    Anderen Menschen zu einem von Schuld befreitem Leben zu verhelfen ist eine Lebensaufgabe die unergründlich zu sein scheint aber ungeheuer lohnend ist.
    Mach weiter so Du bist auf dem richtigen Weg.


Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort:

Kategorien